Milo Rau hat wieder inszeniert – “Die Zürcher Prozesse”. Die Gazetten sind voll, was nicht nur durch den schmalen Grad, den Rau absteckt, befeuert wird, sondern weil sich die Bühne des Theaters anscheinend – und nur anscheinend – zu einer Bühne des Rechts wandelt, wo der “Weltwoche” der Prozess gemacht wird.
Natürlich ist dies eine spannende und konsequente Folge von Rau´s früheren Arbeiten von und mit dem “International Institute of Political Murder”. Performances und vor allem Reenactments, Hate Radio, die Moskauer Prozesse – doch jetzt scheint sich Rau zu einem existenziellen Schritt in den “Zürcher Prozesse” entschieden zu haben (bzw. hat sich dazu entschieden): im Grunde ein Preenactment. Mit Präzision und Detailgenauigkeit – und nur kann dieser schmale Grad funktionieren – kommen auf der Bühne alle wichtigen Bestandteile des Juristischen zum Zuge. Rau muss diese perfekte Imitation wagen, verliert er sich sonst in platonische Mimesis-Diskussionen und politisch-rechtliche Kontroversen, indem ein reales Blatt Zeitschrift auf der Bühne der Kunst verhandelt werden soll. Würde man Blochs Empfehlung folgen, die natürlich auf Brecht aufbaut, zeugt dies von einer ästhetischen Utopie, wo das “Schein-Sein”-Verhältnis zugunsten eines “Vor-Schein” des Inszenierten auf der “Schau-Bühne” – im Grunde volksbildend – in Schwingung gerät. Reales Urteilen, ob die “Weltwoche” Schuld trägt, und artifizielles Urteilen, ob die “Weltwoche” Schuld träge und tragen kann, lässt in dieser Rahmung die Frage aufkommen, woher diese Faszination für diese “Stücke” von Theater- und Performance-Arbeit kommt – und wie sehr sich die realen Personen auf der Bühne für ein fiktionales Urteil ins Zeug gelegt haben! Es mag dabei nicht verwundern, dass trotz aller Ressentiments kein Urteil gegen die “Weltwoche” gefallen ist – der Pranger, der Schau-Prozess hat eine Niederlage einfahren müssen, wie gleichzeitig Moral und Recht scheinbar auch auf Seiten von künstlerischer Arbeit nachwirken.
Letztlich erinnert dieses, und besonders dieses, Rechts-Preenactment von Rau dann doch sehr an die Agit-Gerichte (siehe das Forschungsprojekt in Zürich, das von Silvia Sasse betreut wird) und ebenso an die Thingspiele der Nazizeit – ein Umstand, auf den selten hingewiesen wird und im Kontext von Bruno Latours Thing-Ding-Theorie, meines Wissens, noch nie besprochen wurde. Vielleicht nicht bezüglich der Ausgestaltung und der Stücke generell, aber doch zum Teil in der Idee, die wohl dahinter liegen könnte…oder ist dies ein übertriebener Vergleich? Das jedoch jedem realen Prozess etwas Theatralisches anhaftet, dass darf als Bezugspunkt für Rau gelten.
Vor kurzem sprach Rau in Berlin auf der Tagung “Beyond Evidence” des Internationalen Graduiertenkollegs InterArt der FU Berlin, als Referent und im Gespräch mit der bereits erwähnten Silvia Sasse. Ein Punkt, den zunächst niemand erwartet hatte, sprach Rau dabei an: den der Langeweile. Im Grunde, so ließe es sich ja sehen, passiert auf der Bühne: Nichts. Es wird verhandelt. Und das in die Länge von 3 Tagen angesetzte Stück “Die Zürcher Prozesse” dürfte dabei vor allem den Status von Spannung, oder, wie es kulturwissenschaftlich inflationär und mehrdeutig verwendet wird, von “tension” und Langweile unmittelbar vor Augen geführt haben. Wer dies sehen möchte, kann dies tun: Alle Tage lassen sich im Stream des Schweizer Fernsehen nachsehen. Wer dies nicht alles sehen möchte, dem seien die Höhepunkte (sic!) dort empfohlen.
Nachtrag: Die Seite des Schweizer Fernsehens ist wirklich gelungen. Es wird noch allerhand Material zu Verfügung gestellt, in welcher das Verhältnis des Theatralen und des Rechts recht gut und mit weiteren Verweisen besprochen wird.




